Nach dem Erfolg von Idao de Tillard im Prix de l’Atlantique ist viel gesagt und geschrieben worden. Fest steht, dass dieser Erfolg einer Auferstehung gleichkam, wie kaum ein Experte sie erwartet hat. Und das Ganze nur fünf Monate nach einer Notoperation wegen einer nephrosplenischen Verlagerung des Dickdarms, die ohne Eingriff tödlich hätte enden können. Dieser Erfolg, sein neunter Sieg auf Gruppe I-Ebene, wurde von seinem Trainer Thierry Duvaldestin "als vielleicht seinem schönsten Sieg nach allem, was er durchgemacht hat" beschrieben. Tierarzt Loic Vallois hatte an dieser Rückkehr erheblichen Anteil und erklärte im ausführlichen Interview mit 24h au Trot den Weg zurück in den Winnercircle.
24h au Trot: "Nach einer solchen Operation - wie bringt man ein Pferd wie Idao de Tillard wieder auf dieses Niveau zurück?"
Loic Vallois: "Das Pferd macht alles selbst! Ich glaube, man könnte das tausendmal mit tausend Pferden versuchen und würde niemals dieses Ergebnis erzielen."
24h: "Gehen wir zurück zum 17. November, dem Tag der Notoperation. Was ist damals passiert?"
LV: "An diesem Tag haben wir zunächst alles dafür getan, dass er überlebt. Es ging darum, ihm das Leben zu retten. Das hatte absolute Priorität. Ohne Operation war sein Leben ernsthaft bedroht. Die unmittelbare Nachbehandlung ist sehr gut verlaufen. Er blieb bis zum darauffolgenden Freitag bei uns und kehrte dann in seine Box im Stall von Thierry Duvaldestin zurück."
24h: "Was waren die größten Herausforderungen in den ersten Stunden danach?"
LV: "Zunächst ging es um die Folgen der Vollnarkose und darum, dass die Darmtätigkeit wieder einsetzt. Anfang Dezember wurde er im Stehen unter Kamera erneut operiert, um den nephrosplenischen Raum zu verschließen und zu verhindern, dass diese Art von Kolik erneut auftritt. Wenn ein Pferd so etwas einmal hatte, besteht nämlich ein erhöhtes Risiko, dass es wieder passiert. Diese Maßnahme wurde getroffen, um alle möglichen Vorsichtsmaßnahmen auszuschöpfen. Dabei wird mithilfe einer Bauchspiegelung dieser Raum geschlossen."
24h: "Was ist eine nephrosplenische Verlagerung des Dickdarms?"
LV: Dabei handelt es sich um eine Kolikform, bei der sich der Dickdarm aufbläht und auf die linke Seite zwischen Milz und Bauchwand verlagert. Dort kann er sich an einem Band, dem nephrosplenischen Band zwischen Milz und Niere, festsetzen.
24h: "Was geschah in den Wochen danach?"
LV: "Im gesamten Dezember haben wir uns auf die Heilung der Bauchwunde konzentriert. Das war extrem wichtig. Man spricht selten darüber, aber die Bauchmuskulatur ist für ein Rennpferd, insbesondere für einen Traber, von entscheidender Bedeutung. Es war also wichtig, dass die Narbe möglichst stabil wird. Dafür blieb er die ganze Zeit in der Box. Vom 17. November bis Ende Dezember hat er seine Box nicht verlassen. Wir haben die Rehydrierung schrittweise gesteuert und alles dafür getan, dass die Wunde bestmöglich heilt."
24h: "War diese Phase besonders heikel? Manche Pferde verkraften so etwas ja schlecht."
LV: "Seine Futtermenge wurde wegen der Krankheit stark reduziert. Er hat praktisch seine gesamte Muskulatur verloren. Körperlich war er nicht mehr derselbe. Man kann das vergleichen mit einem Menschen, der schwer krank war und mehrere Wochen im Bett lag - das ist dann auch nicht mehr dieselbe Person. Wir wussten, dass diese Phase kommen würde. Aber jedes Pferd baut Muskeln unterschiedlich schnell ab. Idao hat sehr viel Muskulatur verloren, auch weil er vorher sehr muskulös war. Besonders im Rücken und in der Hinterhand."
24h: "Wann durfte er wieder aus der Box?"
LV: "Ab dem 26. Dezember begann er, an der Hand geführt zu werden. Zuerst nur fünf Minuten, dann zehn, dann fünfzehn und so weiter. Ende Januar waren wir bei zwei Ausgängen von jeweils 30 Minuten pro Tag."
24h: "Wie ging es danach weiter?"
LV: "Am Tag nach dem Prix d’Amerique, also am 26. Januar, wurde er zum ersten Mal wieder angespannt. Er lief nur eine Runde, etwa 1.500 Meter, ganz ruhig im Trab. Das war ein sehr wichtiger Moment. Thierry, seine Pflegerin Susanne Ohme, Clement, Theo, ich und das gesamte Team waren sehr glücklich, diesen Punkt erreicht zu haben, denn unser Ziel war es, das Pferd zu retten. Ursprünglich wollten wir ihn früher wieder anspannen, aber wir haben uns entschieden, mindestens zwei Wochen länger zu warten, weil das Ultraschallbild der Narbe uns nicht zufriedenstellte. Es bestand ein Risiko einer Schwäche oder sogar eines Narbenbruchs. Aber ab dem Moment, als er wieder angespannt werden konnte, war ein wichtiger Schritt geschafft. In den folgenden zwei Wochen wurde er nur leicht bewegt."
24h: "Verlief diese Phase problemlos?"
LV: "Nein, es war schwierig. Durch den starken Muskelabbau war er sehr steif. Das hat uns in dieser Phase nicht ganz beruhigt."
24h: "Was haben Sie dann unternommen?"
LV: "Wir haben versucht, alle Übungen zu nutzen, um ihn möglichst zu lockern und wieder Muskulatur aufzubauen. Er ist viel gegangen und viel getrabt. Dabei brauchte es vor allem Geduld und Zeit. Als er am 12. März in Caen sein Comeback gab, war es weniger als ein Monat, seit er wieder schneller gearbeitet hat. Der Trainingsaufbau war also sehr progressiv und vorsichtig. Auch heute hat er seine ursprüngliche Muskulatur noch nicht vollständig wieder erreicht, aber sie kommt nach und nach zurück. Nach dem Rennen am 04. April in Vincennes hat sich das deutlich verbessert. Während der gesamten Zeit musste das Training angepasst werden. Das Wichtigste ist aber, dass er seit diesem Rennen auch mental wieder ganz anders geworden ist."
24h: "Was meinen Sie damit genau?"
LV: "Man hat gesehen, dass sich seine Mentalität verändert hat. Er hat die Lust wiedergefunden. Das sieht man sehr gut im Ziel von Enghien. Seine Ohren lagen am Kopf an, er war voll dabei. Wenn die Genesung so gut funktioniert hat, dann vor allem, weil dieses Pferd unglaublich viel Lust hat! Deshalb hat es funktioniert. Nicht, weil wir ein perfektes Programm hatten, sondern weil er es wollte und alles gegeben hat. Dafür musste er wieder Rennen laufen. Auch wenn er noch nicht vollständig bereit war, war es richtig, ihn starten zu lassen. Thierry hatte recht - das Pferd brauchte das. Er musste wieder in den Rhythmus aus Training, Rennen und Erholung kommen. Ich bin überzeugt, dass sich im Kopf eines Pferdes etwas verändert, wenn es wieder auf die Rennbahn zurückkehrt. Seit seiner Rückkehr hat Clement alle Rennen mit ihm bestritten, und Idao hat eine enorme Energie und Motivation zurückgewonnen."
24h: "Hat seine Rückkehr länger gedauert als erwartet?"
LV: "Insgesamt ging es sogar ziemlich schnell. Es gab Momente, in denen wir gezweifelt haben, aber am Ende war es doch eine relativ kurze Zeit."
24h: Wenn man Ihnen damals gesagt hätte, dass er 150 Tage nach der Kolik wieder ein Gruppe I-Rennen gewinnt... hätten Sie das geglaubt?"
LV: "Nein, auf keinen Fall!"
24h: "Ist Idao de Tillard ein außergewöhnliches Pferd?"
LV: "Ja, absolut. Vor allem wegen seines Charakters und seiner Einstellung. Er ist sehr ruhig, will alles richtig machen, regt sich nie auf und ist nicht nervös. Mit einem angespannten oder nervösen Pferd wäre das nicht möglich gewesen. Er hat alle mentalen Eigenschaften, die so eine Rückkehr möglich machten."
24h: "Wie sieht es mit seiner Ernährung aus?"
LV: "Er ist von Natur aus ein gutes Fresser. Er bekommt wieder seine normale Ration, aber wir achten sehr genau darauf, dass es weder zu viel noch zu wenig ist, um Überlastung und Koliken zu vermeiden."
24h: "Ist das nicht eine unglaubliche Geschichte?"
LV: "Ja, absolut. Es ist großartig für das Pferd, für den Sport, für alle. Er ist wirklich außergewöhnlich. Er hat gezeigt, dass es möglich ist, nach so einer Operation auf dieses Niveau zurückzukehren, wenn das Pferd die mentale Stärke und den Charakter dafür hat. Das gibt Hoffnung für andere. Es ist eine gute Sache für alle."
24h: "Was haben Sie gedacht, als Sie ihn gewinnen sahen?"
LV: "Dass ich noch nie ein Pferd mit einer solchen Mentalität erlebt habe. Er ist wirklich außergewöhnlich. Das ist die Belohnung für die Arbeit eines ganzen Teams."
24h: "Was haben Sie aus diesen fünf Monaten gelernt?"
LV: "Dass Idao de Tillard ein großes Pferd ist. Das wussten zwar alle schon, aber er hat noch einmal eine neue Dimension erreicht. Und ich habe gelernt, dass man niemals aufgeben darf und immer daran glauben muss. Das ist auch die grundsätzliche Lehre meines Berufs als Tierarzt. Man kann Pferde nur retten, wenn man es versucht. Es klappt nicht immer, aber wenn es klappt, ist es großartig. Und in seinem Fall war es vor allem seine mentale Stärke, die den Unterschied gemacht hat. Auf der Rennbahn ist er ein Kämpfer. Ich denke, er hat dieses Rennen mit dem Kopf gewonnen."
