Der Ecurie Luck träumte schon jahrzehntelang von einem Sieg im Prix d’Amerique. Schon seit Jean Luck vor über 30 Jahren als Züchter und Besitzer der traditionellen Farben fungierte. Bislang gab es aber "nur" zwei Ehrenplätze. Und ausgerechnet mit einem Außenseiter gelang am Sonntag der große Triumph, den Hokkaido Jiel und Franck Nivard in einem packenden Finish erringen konnten. Noch dazu war es für Nivard der erste Start mit dem Sohn von Brillantissime.
Hokkaido Jiel war 2024 schon Zweiter und musste im Vorjahr, nach der bereits erfolgten Qualifikation, verletzt absagen. Die lange Regeneration scheint sich aber erst recht ausgezahlt zu haben. Der 9jährige startete sein Wintermeeting am 30. Oktober und hat sich seitdem bei jedem der vier Starts gesteigert, um beim fünften Auftritt, im Amerique selbst, auf Hundert zu sein. Dazu kam dann kurz nach dem Einbiegen in den Einlauf das Rennglück dazu: "Wir wären nur Vierter geworden, wenn Go On Boy keinen Fehler macht." Dieser Aussage von Franck Nivard kann man folgen, denn ohne den Fehler von Go On Boy, der an der Innenkante lag, hätte Hokkaido Jiel nicht innen zum Sieg durchstoßen können.
Somit ist Franck Nivard mit sechs Siegen im Amerique der erfolgreichste unter den noch aktiven Fahrern. Zuvor lag er mit fünf Erfolgen gleichauf mit Jean-Michel Bazire. In den knapp 3 Minuten und 30 Sekunden passte alles: Jede Entscheidung von 'Monsieur Prix d'Amerique'.
"Besser hätte es nicht laufen können!" Genau dies waren bereits die Worte von Franck Nivard nach seinem Sieg mit Emeraude De Bais im Criterium de Vitesse de la Cote d’Azur. Sie lässt sich aber auch auf seine Fahrt mit Hokkaido Jiel übertragen. "Ich hatte ein perfektes Rennen", erklärte Nivard. "Ich blieb ständig hinter Just Love You. An der Geläufseinmündung der kleinen Bahn sah ich, dass innen Platz frei wurde, und entschied mich, diese Spur zu nehmen. Ich zögerte kurz, aber als ich sah, dass Just Love You nicht hineinfuhr, wechselte ich nach innen. Ich war etwas weiter hinten, aber es war der kürzeste Weg. Die Innenspur brachte mir den Sieg. Und wir hatten Glück, dass Go On Boy einen Fehler machte."
Noch eine Woche zuvor, war Nivard gar nicht verpflichtet. Sein eigentlich eingeplanter Partner war Krack Time Atout, der wegen eines Lungenproblems aussetze musste. Erst am Dienstag wurde Nivard vom Ecurie Luck verpflichtet, um David Thomain zu ersetzen, der sich für Koctel du Dain entschieden hatte.
Sechs Siege für 'Francky' im Amerique:
2009 - Meaulnes Du Corta
2011 - Ready Cash
2012 - Ready Cash
2016 - Bold Eagle
2017 - Bold Eagle
2026 - Hokkaido Jiel
Mit 46 Jahren ist Franck Nivard mehr denn je der Mann dieses Rennens: "Ich bin zwanzigmal gestartet und zehnmal Erster oder Zweiter geworden. Dieses Rennen liegt mir! Ich hoffe, das geht noch eine Weile so weiter." Dabei betont er aber auch, dass dieser Sieg im Gegensatz zu den früheren Erfolgen mit Ready Cash oder Bold Eagle, weniger erwartbar war.
Das Rennen: Schon auf den ersten Metern schied Iroise de La Noe, die letztlich sogar als Favoritin auf die Reise gegangen war, nach einem Fehler aus. Danach übernahmen Francesco Zet, Bullet The Bluesky und Epic Kronos die ersten Positionen, bevor sich Keep Going auf dem Weg in die Senke an die Spitze setzte.
Direkt im Anschluss rückte Koctel du Dain auf und drückte selbst auf die Spitze, um sich kurz darauf von Go On Boy ablösen zu lassen. Epic Kronos blieb in zweiter Spur, was eine sehr gute Entscheidung von Paul Philippe Ploquin gewesen sein dürfte. Das Gespann fand mit Josh Power einen perfekten Windschatten, während Inmarosa sehr früh die dritte Spur anführen musste. Der spätere Sieger Hokkaido Jiel lag zu diesem Zeitpunkt noch im Mittelfeld der zweiten Spur, konnte aber kurz vor dem Schlussbogen an die Innenkante wechseln, weil Koctel du Dain völlig ausgelaugt den Rückzug angetreten hat.
Mitte des letzten Bogens konnten sich Go On Boy und Josh Power ein wenig freimachen, wobei kurz darauf Epic Kronos den Anschluss wieder herstellen konnte. Ihm folgte Just Love You, die innen vom aufrückenden Hokkaido Jiel begleitet wurde.
Als Go On Boy zu Beginn des Einlaufs mit einem Fehler reagierte, stieß Hokkaido Jiel in die Lücke und bekam Josh Power kurz vor der Linie zu fassen. Epic Kronos konnte seinen Speed nicht ganz durchziehen und wurde eine halbe Länge zurück Dritter. Dazwischen fand die große Außenseiterin Hamony du Rabutin offensichtlich keine ausreichend große Lücke, sodass ihre große Endgeschwindigkeit mit einem Fehler vor der Linie endete, der nach kurzer Überprüfung bestätigt wurde.
Frank Gio, der unterwegs den Zug hinter Inmarosa nutzen konnte, zog im Einlauf zwar gut an, verpasste aber als Vierter das Podium. Für Matthieu Abrivard reichte es aber im 'Familienduell' seinen Cousin Alexandre auf den fünften Rang zu verweisen, womit die Quinte vervollständigt wurde.
Die unerwartete Krönung für die Familie Luck brachte natürlich im ganzen Umfeld die Emotionen zum explodieren. Trainer Jean-Luc Dersoir arbeitet schon seit 45 Jahren mit dem Ecurie Luck zusammen und ist gewissermaßen Familienmitglied. Eric Fremiot, der Enkel des Gründers mit dem Label 'Jiel', leitet die Struktur: "Das ist ein Traum! Unglaublich! Meine Großeltern können nicht hier sein, aber ich denke an sie. Dieser Sieg ist der Höhepunkt."
Außerdem betont Eric Fremiot den Teamgeist des Stalles: "Das ist das Ergebnis eines gesamten Teams - von der Zucht bis zum Training. Franck Nivard fuhr ein perfektes Rennen. Und das Pferd wurde optimal vorbereitet."
11,4 - wie Bold Eagle vor zehn Jahren
Hokkaido Jiel kam in 11,4 nach Hause, was auf der leicht klebrigen Piste eine gute Zeit war und exakt der Zeitnahme von Bold Eagle aus dem Jahr 2016 entspricht. Den Rennrekord behält damit Face Time Bourbon, der 2021 in 10,8 siegte.
Trainer Jean-Luc Dersoir erklärte im Siegerinterview bewegt: "Ich bin glücklich und erfüllt. Ich wusste, dass mein Pferd gut ist, aber nicht, dass es gewinnen würde. Hokkaido Jiel ist außergewöhnlich. Vor einem Jahr hatte er schwere gesundheitliche Probleme - heute holt er den 'Gral'. Wenn ein Champion nach solchen Rückschlägen zurückkommt, ist das wie bei einem Spitzensportler."
Als nächstes soll Hokkaido Jiel im Prix de France starten, jedoch nicht im Prix de Paris.
Auch Pfleger Samuel Perinel war zutiefst gerührt: "Das ist einer der schönsten Tage meines Lebens. Ich arbeite seit 32 Jahren für den Ecurie Luck. Diese Emotionen sind unvergleichlich."
Jean Luck & Ecurie Luck im Prix d’Amerique
Unter Jean Luck:
1992 - Ukir De Jemma - unplatziert
1993 - Ukir De Jemma - 2. Platz
2007 - Ladakh Jiel - 9. Platz
2009 - Ladakh Jiel - 7. Platz
Unter Ecurie Luck:
2024 - Hokkaido Jiel - 2. Platz
2026 - Hokkaido Jiel - 1. Platz
Franck Nivard - die Wahl der Erfahrung
Da Stammfahrer David Thomain anderweitig engagiert war, entschied sich das Team bewusst für Nivards Erfahrung: "Mehrere Fahrer boten sich an, aber Franck war dank seiner Erfahrung die beste Wahl für dieses Rennen", so Eric Fremiot.
Stimmen der Platzierten
Sebastien Ernault (2./Josh Power): "Es ist frustrierend, so knapp zu verlieren, aber mein Pferd war großartig."
Paul Ploquin (3./Epic Kronos): "Kein Bedauern - perfektes Rennen. Und dann kam Franck Nivard. Er ist einfach zu stark."
Matthieu Abrivard (Frank Gio/4.): "Gutes Rennen, mein Pferd ist erst fünf Jahre alt und gehört zur Spitze."
Die größte Enttäuschung erlebte aber Trainer Thomas Levesque, dessen Iroise de la Noe schon Sekunden nach dem Start nach einer Galoppade disqualifiziert wurde. Er brachte seinen Frust in zwei kurzen Sätzen zum Ausdruck: "Ein Jahr Arbeit und nach 100 Metern ist alles vorbei. Das ist extrem bitter." Fahrer Eric Raffin übernahm später die Verantwortung: "Ich war nicht gut."
