Mit 78 Jahren und nach mehr als 50 Jahren Karriere, blickt einer der großen französischen Trainer ohne Schönrederei auf die Entwicklung des Rennsports zurück. Zwischen ungebrochener Leidenschaft am frühen Morgen und Wut auf die Institutionen findet er deutliche Worte.
"Wenn sich Menschen über etwas in einem Artikel ärgern, dann fehlt es ihnen oft an Intelligenz und Urteilsvermögen. Sonst würde man den Dialog suchen, um Dinge voranzubringen."
Schon zu Beginn des großen Interviews mit dem ParisTurf, macht Robert Collet klar: Er wird kein Blatt vor den Mund nehmen.
ParisTurf: "Warum haben Sie sich nach einer erfolgreichen Karriere von den Flachrennen zurückgezogen?"
Robert Collet: "Das ist eine Frage des Realismus. Wenn ich meine Tochter nicht hätte, hätte ich das Flachtraining wahrscheinlich ganz aufgegeben. In meinem Alter macht es keinen Sinn mehr, Pferde mit einer Marke von 22 zu trainieren. Meine langjährigen Besitzer, die eine Generation älter waren als ich, sind verschwunden. Um heute noch auf höchstem Niveau mitzuhalten, braucht man entweder sehr große Besitzer oder muss alles selbst finanzieren. Und das wird untragbar. Der Hindernissport ist dagegen noch zugänglicher für jemanden, der weiterhin Spitzenleistungen anstrebt."
PT: "An diesem Sonntag starten Sie mit Edamura im Prix Alain du Breil. Ist die Form noch da?"
RC: "Absolut! Er hat vergangenen Dienstag gut gearbeitet. Nach seinem Sieg im 'Pepinvast', als er von vorne ging, haben wir bewusst die Taktik geändert, um ihn für diesen Sonntag optimal vorzubereiten. Wir werden ihn in seinem Rhythmus reiten. Ein Platz auf dem Podium ist absolut möglich."
PT: "Sie haben eine eigene Zuchtstruktur aufgebaut - auch für Ihre Tochter. Ermutigen Sie sie, Ihre Nachfolge anzutreten?"
RC: "Bei der aktuellen Lage dränge ich sie nicht dazu. Aber wenn sie wirklich dafür brennt, wird sie es tun. Das ist ein Beruf, der Willenskraft verlangt. Als ich mich vor 53 Jahren selbstständig machte, hatte ich nichts, aber ich habe nie gezweifelt. Das ist eine Haltung, die heute vielen fehlt. Ich sehe zu viele Trainer, die vom Höhenflug sofort in die Krise stürzen, sobald es einmal schlechter läuft. Man braucht Beständigkeit.
Was mich traurig macht, ist der Verlust der Solidarität. Als ich anfing, haben mir Leute wie Francois Boutin oder Gilles Delloye geholfen. Diese Unterstützung hat mir ermöglicht, eine schwierige Phase zu überstehen, bis ich Besitzer fand. Später habe ich selbst jungen Trainern geholfen. Heute streitet man lieber über Regeldetails, statt sich gegenseitig zu unterstützen."
PT: "Sie spielen damit auf die Regelung der Starterzahlen in den Quinte-Rennen an...?"
RC: "Ich habe meine ganze Karriere lang auf Wunsch von France Galop Rennen 'aufgefüllt', wenn Teilnehmer fehlten, damit das Spektakel stattfinden und die Wettumsätze gerettet werden konnten. Heute wird alles blockiert. Man schafft Regeln, die alles komplizierter machen. Dass der Prix du President de la Republique nicht einmal voll besetzt war, ist ein Eingeständnis des Scheiterns. Die Verantwortlichen bei France Galop haben keine Vision. Man müsste das gesamte Rennprogramm neu aufsetzen und sich an die Realität des Marktes anpassen.
Vielleicht sollte man bei schlecht besetzten Quinte-Rennen diejenigen stärker belohnen, die bereit sind, dennoch zu starten und die Veranstaltung zu retten. Vielleicht sollte man auch die Leistungsgrenzen überdenken oder wieder Rennen mit 18 oder 20 Startern zulassen, wenn das möglich ist. Man muss sich anpassen. So wie jetzt kann es jedenfalls nicht weitergehen."
PT: "Sie wirken sehr besorgt um die Zukunft des Rennsports."
RC: "Der Stillstand bringt uns um. Man redet ständig vom Tierschutz, aber gerade die Verantwortlichen verschlechtern ihn, wenn sie etwa bei der Pflege der Rennbahnen sparen, um ein paar Cent zu sparen, ohne langfristige Vision. Das ist untragbar, denn das Wohl der Pferde steht für mich an erster Stelle. Auch die AFASEC ist gescheitert. Vielleicht funktioniert sie im Gartenbau gut, aber was das Personal im Rennsport betrifft, ist das Niveau insgesamt stark gesunken. Man verwaltet die Krise, indem man Äste abschneidet, statt neue Bäume zu pflanzen."
PT: "Ist das eine Vertrauenskrise gegenüber der Institution?"
RC: "Absolut. Es herrscht eine inakzeptable Intransparenz. Diese Intransparenz ist das Zeichen einer Institution im Niedergang, die versucht, den Aktiven den Absturz zu verbergen. Wohin verschwindet das Geld? Warum haben wir keinen Zugang zu den Berichten der staatlichen Prüfer? Die Verantwortlichen der PMU sind manchmal nichts weiter als Marionetten, die aus politischen Gründen ernannt wurden und nicht wegen ihrer Fachkompetenz.
2018 hieß es in einem Bericht des Rechnungshofes: 'Die Rennsportinstitution: eine Organisation, die reformiert werden muss, eine Tätigkeit, die reguliert werden muss.' Warum wurde dieser Bericht, der die Katastrophe angekündigt hat, in die wir nun geraten sind, nicht umgesetzt? Es wäre übrigens immer noch möglich, einen ernsthaften Bericht beim Rechnungshof anzufordern, denn ich kann mir kaum vorstellen, dass diejenigen, die uns in dieses Chaos geführt haben, auch diejenigen sein sollen, die uns wieder herausführen.
Und auch Ihnen, den Journalisten, mache ich Vorwürfe. Warum gibt es keine ernsthafte Untersuchung über die Führung unserer Institution? Das ist doch völlig absurd. Zum Beispiel: Rennvereinen, die in Startboxen investiert haben, deren Nutzung bei PMH-Renntagen zu verbieten. Ist das eine sinnvolle Entscheidung? Nein. Den Verantwortlichen fehlt oft jeglicher gesunder Menschenverstand, und sie sind nicht in der Lage, schlechte Entscheidungen rechtzeitig wieder rückgängig zu machen."
PT: "Die Disziplinarstrafen werden heute häufiger von der Glücksspielkommision ausgesprochen. Ist das ein Problem?"
RC: "Früher sagte Jean Romanet: 'Die Kommission machen wir selbst.' Damals gab es eine eigene Struktur außerhalb der Glücksspielkommision. Heute finde ich es inakzeptabel, dass jemand wegen eines Verkehrsdelikts oder kleiner Vergehen, die nichts mit unserem Beruf zu tun haben, nicht mehr arbeiten darf. Unsere Branche hat in den letzten 53 Jahren enorm verloren. Man hört uns nicht mehr zu. Es gibt eine schwere Vertrauenskrise. Ohne Harmonie zwischen Organisatoren und Fachleuten kann dieser Sport nicht überleben."
PT: "Was macht Robert Collet trotz allem noch glücklich?"
RC: "Meine Pferde am Morgen zu sehen! Um fünf Uhr bin ich auf den Beinen. Der Dienstag, der Galopptag, bleibt der schönste Moment der Woche. Dann weiß man, ob man für das Wochenende richtig liegt. Dieser Beruf hat mir alles gegeben: außergewöhnliche Begegnungen in Politik, Finanzwelt und Kunst. Es ist ein wunderbares Leben gewesen. Mein einziger Wunsch ist, dass die junge Generation endlich etwas bewegt und ihren Beruf mit derselben Begeisterung ausüben kann wie ich."
Zum Schluss bedankt sich Collet dennoch beim gesamten Personal von France Galop: "Sie hatten mir gegenüber immer ein offenes Ohr und viel Wohlwollen, obwohl ich weiß, dass ich nicht immer einfach bin. Das hat mich sehr berührt."
Mut zum Risiko
Robert Collet gewann 1987 mit Le Glorieux den Japan Cup, nachdem er bereits den 'Washington DC' (GR I) gewonnen hatte. Außerdem war er der erste Franzose, der einen Breeder's Cup gewann - mit Last Tycoon.
Er scheute sich nie davor, seine Pferde international einzusetzen. Seinen ersten Gruppe I-Sieg holte er in Doncaster mit Son of Love, den er zuvor in einem Verkaufsrennen erworben hatte. "Ich gewann das St. Leger, weil ich zuvor mit ihm im Derby von Epsom gestartet war", erinnert er sich. "Er war sehr temperamentvoll und im Derby völlig verloren. Ich entdeckte damals England, lernte daraus und kehrte später erfolgreich zurück. Aus Niederlagen lernt man enorm viel.
Auch der Japan Cup war ein großartiges Abenteuer. Ich freue mich sehr, dass Francis-Henri Graffard dort mit Calandagan gewonnen hat. Ich dachte eigentlich, das wäre schon früher passiert. Heute ist es allerdings deutlich schwerer als damals, denn die Japaner besitzen inzwischen fantastische Pferde. Man braucht heute ein absolutes Spitzenpferd, um dort zu gewinnen."
Robert Collet und die Medien
Robert Collet hat sich nie geweigert, Wettern Auskunft über die Chancen seiner Pferde zu geben. Seit einigen Jahren arbeitet er jedoch kaum mehr mit der Presse zusammen. "Ich habe mit den Quinte-Interviews aufgehört, weil meine Aussagen falsch wiedergegeben wurden", erklärt er. "Ich habe kein Problem damit, klare Informationen zu geben, aber meine Worte dürfen nicht verfälscht werden."
Auch Equidia kritisiert er deutlich: "Nach einigen Interviews, in denen ich offen meine Meinung gesagt habe, hält man mir dort kein Mikrofon mehr unter die Nase. Menschen, die nicht mit dem System übereinstimmen, werden praktisch von Interviews ausgeschlossen. Diese Zensur finde ich beschämend. Mich persönlich stört das nicht, aber für die Zuschauer ist es schade, denn ich habe weiterhin regelmäßig Starter in Quinte-Rennen."
Fehlstarts
"Fehlstarts werden oft von den Jockeys verursacht", sagt Robert Collet. "Dann muss man die verantwortlichen Reiter eben mit 15 Tagen Sperre bestrafen. Sie werden sehen - dann gibt es keine Fehlstarts mehr. Manche Jockeys machen das absichtlich. Wenn sie schlecht positioniert sind, drehen sie den Kopf des Pferdes, damit ein Fehlstart entsteht. Solche Jockeys müssen bestraft werden."
