Seit langer Zeit gehen die Umsätze der PMU zurück. Mit Eric Woerth an der Spitze, erhofft sich die gesamte Branche nun einen Aufschwung. Dennoch hat das gesamte Umfeld mit einer geringen Planbarkeit zu kämpfen. Zu diesem Thema traf sich der ehemalige PMU-Verwaltungsrat Hubert Tassin mit dem ParisTurf zum Interview.
ParisTurf: "Wir haben Mitte April, und die Abstimmung über den PMU-Haushalt wurde bereits zweimal verschoben. Welche Folgen hat das Ihrer Meinung nach?"
Hubert Tassin: "Kurzfristig sind die Auswirkungen aus meiner Sicht eher gering. Schade ist nur, dass das Budget nicht verabschiedet wird, obwohl ein Generaldirektor drei Monate lang mit seinen Teams daran gearbeitet hat und gerade ein neuer Präsident ernannt wurde. Es ist also kein Drama, aber für das System und die Mitarbeiter schlecht im Hinblick auf Planungssicherheit. Von 1995 bis 2017, als ich in den Gremien war, wurde das Budget im September festgelegt und anschließend bis November nachverhandelt. In diesem Fall scheint es eher ein Haltungsproblem zu sein. Die Idee eines Präsidenten der Muttergesellschaft, oder vielleicht beider, ist wohl: Der Staat wird uns schon helfen."
PT: "Die Rennbrabche setzt also auf eine Partnerschaft mit dem Staat zur Unterstützung ihrer landwirtschaftlichen Tätigkeit. Träumen die Verantwortlichen?"
HT: "Der Staat ist klamm. Frankreich hat in den letzten zehn Jahren 1.000 Milliarden Euro zusätzliche Schulden gemacht, ohne dass sich die Lage verbessert hätte. Man sieht es ja an der Diskussion um die Kraftstoffsteuer - es ist kein Geld da. Vielleicht kann der Staat kurzfristig Liquidität bereitstellen, aber das würde neue Schulden bedeuten. Wenn dieses Geld investiert wird und es einen Rückzahlungsplan gibt, ist das in Ordnung. Wenn es aber nur Verluste decken soll, wäre das fatal. Die wichtigste kurzfristige Maßnahme ist die Zusammenlegung der unterstützenden Dienste der beiden Muttergesellschaften. Es bringt nichts, die regionalen Gesellschaften auszutrocknen. Das Problem liegt bei den Muttergesellschaften. Was die Preisgelder angeht: Eine weitere Kürzung im Galoppsport wäre ein schlechtes Signal, aber noch schlimmer wäre es, dies 2026 zu vermeiden und dann im Jahr darauf drastisch zu handeln."
PT: "Für 2026 wird ein Nettogewinn zwischen 700 und 720 Millionen Euro genannt, um der PMU neue Investitionen zu ermöglichen. Welche Fehler wurden Ihrer Meinung nach in den letzten zehn Jahren gemacht?"
HT: "Ganz einfach: Ab 2017 bis 2018 wurde bei der PMU regelrecht 'abgebaut', Das zeigte sich in einer Reduzierung des Angebots, obwohl sich der Markt in die entgegengesetzte Richtung entwickelte. Das ist völlig unverständlich. Auf der Website der 'Francaise des Jeux' gibt es Dutzende Spiele für Live-Wetten. Weitere Fehler waren die Fokussierung auf Großspieler, der Rückzug aus den Sportwetten und ein Verlust an Sichtbarkeit. Es begann mit dem Rückzug aus der Tour de France und ging weiter mit dem Ende der 'Minute hippique' auf TF1. Der Rennsport verlor seine Bühne - geopfert für eine katastrophale Strategie, um schlechte Umsatzergebnisse zu kaschieren. Wenn man dann noch behauptet, eine bekannte Marke wie die PMU brauche keine Werbung, ist das absurd. Selbst Konzerne wie McDonald’s oder Coca-Cola investieren massiv in Werbung. Fehler passieren, aber wenn man sie nicht erkennt, kann man sie nicht korrigieren. Die früheren Verantwortlichen glaubten nicht mehr an Pferdewetten. Produkt und Kundschaft wurden geopfert. In einigen Jahren werden Managementschulen untersuchen, wie es der PMU gelungen ist, in einem reifen Markt dreimal stärker als die Inflation zu verlieren."
PT: "Dabei sitzen doch Vertreter des Staates im Verwaltungsrat..."
HT: "Ja, und genau deshalb stellt sich die Frage nach den Kontrollorganen. Das frühere Modell von Jean-Luc Lagardere mit einer gleichmäßigen Machtverteilung zwischen Staat und Rennsport war gut. Aber Regierungsführung ist aktuell nicht das Hauptthema. Jetzt geht es darum, die Wetten wieder anzukurbeln."
PT: "Was würde Jean-Luc Lagardere heute tun?"
HT: "Man kann die Zeiten nicht vergleichen. Lagardere hatte große Glaubwürdigkeit gegenüber Staat und Verwaltung, und es gab mehr öffentliche Mittel. Er konnte eine Win-Win-Vereinbarung erreichen. Heute braucht es vor allem eine klare Strategie zur Wiederbelebung der Pferdewetten."
PT: "Was erwarten Sie von Eric Woerth?"
HT: "Er ist ein fähiger Mann, aber die Lage ist schwierig. Als ehemaliger Minister kann er mit dem Staat verhandeln. Ich bedaure allerdings, dass heute nicht mehr hochrangige Beamte wie früher eingesetzt werden. Der Präsident muss gemeinsam mit dem Generaldirektor die Mitarbeiter hinter einer klaren Strategie vereinen. Die IT muss wieder unter Kontrolle gebracht und die Vertriebsteams motiviert werden. Vor allem muss klar sein: Wir verkaufen keine Pferde, sondern Wetten. Das ist die Grundlage des gesamten Systems. Ich erwarte, dass Eric Woerth diese Linie konsequent vertritt."
PT: "Was halten Sie von der Diversifizierung mit PMU PLAY?"
HT: "Das ist sinnvoll. Es ist logisch, ein einziges Konto für Pferdewetten, Sportwetten und Poker zu haben. Positiv ist, dass die Stammkunden nicht verloren gehen. Einziger Kritikpunkt: Die Umsetzung hat über drei Jahre gedauert, und die Plattform ist technisch schon fast veraltet. Dennoch ist sie ein Fortschritt."
PT: "Sollten Festquoten eingeführt werden, um jüngere Spieler anzusprechen?"
HT: "Das gehört zur Geschichte des Rennsports. Frankreich hat seit 1891 das Toto-System. Trotzdem spricht nichts gegen Festquoten, wie sie bei Sportwetten üblich sind. Ich würde zusätzlich frühzeitig feste Quoten für große Rennen anbieten. Das schafft Spannung und belebt das Netzwerk. Es wäre auch sinnvoll, neue Wettformate zu entwickeln, da aktuell vor allem Sportwetten wachsen."
PT: "Was halten Sie von der neuen Task Force von France Galop?"
HT: "Typisch: Wenn es ein Problem gibt, gründet man eine Kommission. Diese Task Force kommt nach zahlreichen Berichten. Das wirkt etwas überflüssig. Vielleicht ist es ein Versuch, Zeit zu gewinnen. Aber jetzt ist nicht mehr die Zeit zum Nachdenken, sondern zum Handeln. Man weiß, wo gespart und wo investiert werden muss. Unser Modell basiert auf Wetten. Alles andere ist zweitrangig."
PT: "Zum Schluss: Ihre Vision?"
HT: "Pferdewetten sind ein großartiges Produkt, ich bin optimistisch. Man muss sie nur richtig vermarkten. Der Rennsport hat starke Grundlagen. Es braucht wieder mehr mediale Präsenz, vielleicht täglich im Fernsehen. Innovation ist ebenfalls wichtig: Spieler sollten auf alle französischen Rennen wetten können. Es ist unverständlich, dass man auf Basketballspiele in Österreich wetten kann, aber nicht auf bestimmte heimische Rennen. Außerdem braucht es neue Wettangebote, um ein breiteres Publikum anzusprechen. Festquoten könnten dabei eine zentrale Rolle spielen."
