Wie im vergangenen Jahr wird Thomas Levesque seine Spitzenstute Iroise de la Noe am Sonntag im Prix d’Amerique an den Start bringen. Der 33jährige Trainer hofft, die berühmte gelbe Rennjacke mit schwarzem Lothringer Kreuz bei diesem prestigeträchtigen Rennen glänzen zu lassen. Einem Rennen, dass bereits sein Urgroßvater Henri und sein Vater Pierre gewinnen konnten.
Foto: Jean-Charles Briens
Kurz nach dem Amerique 2025, in dem Iroise de la Noe kurz vor Beginn des Einlaufs einen Fehler machte, hatte Thomas Levesque gesagt: "Wir sehen uns nächstes Jahr wieder". Dieser Termin rückt nun näher, und der Trainer zeigte sich nach der letzten intensiven Trainingseinheit am Montag auf der Geraden des Haras de Bellevent in Beuzeville-la-Bastille sehr zufrieden: "Ich hatte großen Respekt vor dieser Arbeit, denn im letzten Jahr hatte ich genau bei dieser Trainingseinheit gemerkt, dass meine Stute nach ihrem Sieg im Prix de Belgique nicht mehr ganz so gut war. Dieses Mal war wirklich alles perfekt."
Levesque denkt seit einem Jahr gezielt an diese Ausgabe des 'Legend Race'. Der Weg dorthin verlief jedoch nicht ohne Schwierigkeiten, da die talentierte Stute auch sehr anfällig ist: "Sie hat viele gesundheitliche Probleme und ist körperlich sehr fragil. Ich mache zu Hause nie Tempotraining mit ihr, sondern arbeite alle zwei Tage nur über die Distanz. Sie hat seit ihrem zweiten Lebensjahr Arthrose und hatte zudem eine Sehnenverletzung an einem Vorderbein. Aber ich habe das Gefühl, dass wir dieses Jahr im richtigen Zeitplan sind. Sie wird bereit sein, am Sonntag eine große Leistung zu zeigen. Ihre mangelnde Wendigkeit ist vielleicht ihr kleiner Schwachpunkt, doch sie kann die Arbeit allein erledigen. Sie liebt den Kampf und kommt frisch an den Start."
"Dachte früh an Eric Raffin"
Ein weiterer Unterschied zu 2025: Thomas Levesque wird dieses Mal nicht selbst fahren, sondern überlässt seinen Platz dem siebenfachen "Sulky d’Or" Eric Raffin. Der erste gemeinsame Einsatz im Prix de Belgique am 11. Januar verlief sehr positiv. "Ich habe früh an Eric gedacht", erklärt Levesque, der 477 Siege als Fahrer und 629 als Trainer vorweisen kann. "Ich war zwei Monate gesperrt, und Vincennes ist inzwischen schwierig für einen Fahrer, der dort nicht regelmäßig fährt. Ich weiß, dass ich im Prix d’Amerique eine echte Siegchance habe. Vielleicht die einzige meines Lebens, also will ich alle Trümpfe ausspielen. Ich mag seine Renntaktik und seine Sitzposition im amerikanischen Sulky. Für mich ist er der richtige Mann für meine Stute."
Der Druck dürfte am Sonntag auf den Tribünen von Vincennes entsprechend hoch sein. "2025 hatten wir trotz des Ergebnisses einen fantastischen Tag, vor allem weil Kyt Kat den Prix Camille Blaisot gewann. Damals waren wir Herausforderer. Dieses Jahr haben wir alles auf dieses Rennen ausgerichtet. Der Stress wird spürbar sein, aber Iroise de la Noe gibt uns viel Vertrauen. Sie liefert immer ab und hat etwas, das andere nicht haben."
Die Levesque-Saga
Die Verbindung der Familie Levesque mit dem Prix d’Amerique setzt sich mit Thomas fort - dieses Rennen liegt ihm im Blut und am Herzen. Sein Urgroßvater Henri gewann den Amerique fünfmal als Trainer in den 1960er-Jahren, unter anderem 1961 mit Masina, einer Vorfahrin von Iroise de la Noe. Sein Vater Pierre triumphierte 2007 und 2008 als Fahrer und Trainer mit Offshore Dream und 2009 mit Meaulnes du Corta als Trainer. "Ich spüre nicht das Gewicht der Geschichte, aber man denkt natürlich daran. Ich bin die nächste Generation. Die Farben der Familie wieder in den Prix d’Amerique zu bringen, ist schon großartig. Auf dem Podium zu stehen wäre noch schöner. Und zu gewinnen wäre einfach magisch. Als Kind dachte ich, das sei einfach. Erst später merkt man, wie unglaublich schwer das ist. Mit 33 Jahren eine Amerique-Stute zu besitzen, die ich von Anfang an trainiert habe, ist einfach traumhaft."
"Ich wollte immer unabhängig sein"
Obwohl Thomas Levesque im selben Trainingszentrum arbeitet wie sein Vater, wollte er seinen eigenen Weg gehen. Die Worte seiner Schwester Camille, die ihn kürzlich als "sehr fleißig" lobte, haben ihn berührt. "Das hat mich sehr gefreut. Es war nicht immer leicht, mit meinem Vater zu arbeiten, weil wir uns charakterlich ähneln. Außerdem wollte ich unbedingt unabhängig sein und nicht nur als 'Sohn von Pierre Levesque' gelten. Viele dachten, mir falle alles in den Schoß, und das hat mich als Jugendlicher verletzt. Ich wollte beweisen, dass ich es allein schaffen kann. Mein Vater hat mir den Wert harter Arbeit beigebracht. Mit 65 ist er noch jeden Morgen im Stall - ein echtes Vorbild."
Seine Trainingsmethode beschreibt er so: "Ich arbeite meine Pferde alle zwei Tage, mit weniger Geschwindigkeit, aber mehr Ausdauer als mein Vater. Doch wie man am Renntag in Topform ist, das habe ich komplett von ihm gelernt."
50 Startpferde - 25 Zweijährige
"Ich verbringe viel Zeit mit meinen jungen Pferden. Ich pachte viele Pferde, was kostspielig ist, daher muss ich früh entscheiden, welche von ihnen Potenzial haben. Vielleicht probiere ich zu viele aus, aber genau so habe ich das Glück gehabt, Iroise de la Noe zu entdecken." Mit der eleganten Fuchsstute, einer Tochter von Tornado Bello und Pollenza de la Noe, könnte Thomas Levesque nun einen unvergesslichen letzten Sonntag im Januar erleben.
"Ein Leben zu 100% für Sport"
Levesque gibt zu, manchmal "zu impulsiv" zu sein, und baut Stress durch Sport ab. "Ich lebe nicht nur zu 100% für Pferde, sondern zu 100% für Sport. Mit Freunden spiele ich Padel-Tennis, Tennis und Fußball. Ich liebe den Wettbewerb und die Gemeinschaft. Unsere Branche ist sehr abgeschottet. Freunde außerhalb des Rennsports helfen, den Horizont zu erweitern. Außerdem kann ich abschalten, wenn ich Zeit mit meinem Sohn verbringe."
Viele seiner Freunde werden am Sonntag in Vincennes dabei sein, um Iroise de la Noe anzufeuern: "Zwischen 200 und 300 Leute - es wird eine großartige Stimmung. Das berührt mich sehr. Wie letztes Jahr verbringen wir den Samstagabend im Bistrot des Halles in Paris, nur mit noch mehr Leuten. Was wir am Sonntagabend machen, steht noch nicht fest."
Lexie de Banville am Start
Der Stall von Thomas Levesque ist aktuell in starker Form und konnte seit dem 01. Januar bereits sieben Siege feiern. Neben Iroise de la Noe plant er weitere Starter: "Lexie de Banville läuft im Prix Camille Blaisot (GR II). Ihre letzte Leistung im Prix Jag de Bellouet war schlecht, aber wir haben herausgefunden, dass sie Lungenbluten hatte. Sie wurde behandelt, und wir haben uns Zeit gelassen. Beim Training am Montag fehlte ihr noch etwas, was normal ist. Ich wäre enttäuscht, wenn sie nicht unter den ersten Drei landet. Die kurze Distanz liegt ihr."
Ob Jacaranda im Prix Jacques Andrieu (Gruppe II, montiert, 2.850 Meter) startet, war zum Zeitpunkt des Interviews noch unsicher: "Wegen der Grippewelle habe ich ihn später wieder ins Training geholt. Danach war er leider kurz krank. Wir lassen ihn noch untersuchen, um sicherzugehen. In der Vorbereitung sind wir etwas knapp, auch wenn er am Montag ordentlich gearbeitet hat. Wenn er läuft, dann nur, weil ich ihm ein Podium zutraue. Aber Jazz In Montreux wird schwer zu schlagen sein."
