Als Reiter von Heuristique im Prix de Cornulier, blickt Jean-Yann Ricart auf das erste Kennenlernen der Stute von Jean-Philippe Raffegeau Anfang Januar zurück. Zudem spricht er mit dem ParisTurf über das bevorstehende Rennen am Sonntag und über sein Leben als freiberuflicher Jockey, dass Ricart mittlerweile seit drei Jahren führt.
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2024 gewann Ricart den Prix de Cornulier mit Esperanza Idole, die als Außenseiterin triumphierte. Auch mit Heuristique wird er eine Stute reiten, der erst einmal weniger Chancen zugeschrieben werden. Am 04. Januar lernten sich die beiden im Prix du Calvados (Q3) kennen. Kurz nachdem er am Mittwoch mit Kiroleta in Cordemais seinen ersten Sieg der Saison 2026 gefeiert hatte, stellte sich der 31jährige den Fragen.
ParisTurf: "Heuristique wurde Vierte im Prix du Calvados. Sie sind die Stute dort zum ersten Mal geritten. Wie waren Ihre ersten Eindrücke?"
Jean-Yann Ricart: "Gemeinsam mit ihrem Trainer Jean-Philippe Raffegeau hatten wir das Ziel, einen Platz auf dem Podium zu erreichen, um sicher für den Prix de Cornulier zwei Wochen später qualifiziert zu sein. Ich bin sie völlig unvoreingenommen geritten. Ich bin quasi ins Unbekannte gestartet, auch wenn Jean-Philippe mich etwas gebrieft hatte, wollte ich mich vor allem auf mein eigenes Gefühl verlassen. Die Rennumstände waren dann nicht wie geplant, aber sie war sehr ehrlich und brav."
PT: "Was ist an diesem Tag passiert?"
JYR: "Der Schweifriemen an meinem Sattel ist auf dem Weg in die Senke gerissen, als wir uns im Mittelfeld befanden. Sie läuft mit Check und stützt sich darauf ab. Ich habe die Zügel ruhig gehalten und sie einfach in ihrem Rhythmus gehen lassen, um zu verhindern, dass der Sattel zu weit nach vorne rutscht. So sind wir etwa 400 Meter in einem sehr hohem Tempo gegangen, bevor ich sie im Anstieg wieder etwas beruhigen konnte. In der letzten Kurve habe ich noch an eine Top-Platzierung geglaubt, dann musste sie verständlicherweise kurz Luft holen, bevor sie noch einmal anzog. Ein normales Pferd hätte das nicht leisten können. Am Ende war ich enttäuscht, nur Vierter zu werden, aber dieses Rennen hat mir Vertrauen für den Cornulier gegeben und lässt mich optimistischer in den Sonntag gehen."
PT: "Was sind die größten Stärken Ihrer Partnerin?"
JYR: "Sie hat sehr viel Ausdauer und kann aus der Distanz heraus Druck machen."
PT: "Worauf muss man besonders achten?"
JYR: "Der Start wird entscheidend sein. Im Prix du Calvados waren wir nur wenige Starter. Am Sonntag stehen 18 Pferde an derseleben Startlinie im Band"
PT: "Unterscheidet sich Heuristique damit von Esperanza Idole, mit der Sie vor zwei Jahren Ihren ersten Cornulier gewonnen haben?"
JYR: "Ja, durchaus. Heuristique ist komplizierter als Esperanza Idole, die jedes Tempo mitgehen konnte. Sie war sehr einfach zu reiten, umgänglich und man konnte sich im Feld überall positionieren. Ein großer Vorteil in stark besetzten Rennen. Meiner Meinung nach hatte Esperanza Idole im Vorfeld die bessere Siegchance. Heuristique ist eher eine Außenseiterin. Bei einem reibungslosen Rennverlauf kann man vor dem Rennen auf einen vierten oder fünften Platz hoffen."
PT: "Was bedeutet Ihnen der Sieg mit Esperanza Idole im Prix de Cornulier 2024?"
JYR: "Das ist meine schönste Erinnerung im Rennsport. Es ist das wichtigste Trabreiten überhaupt. Der Sieg kam zudem überraschend, auch wenn wir eine Chance hatten - aber gewinnen...? Dabei war vor dem Rennen eigentlich alles gegen uns gelaufen, angefangen mit einem Verkehrsunfall auf der Anreise. Zwei Wochen zuvor war ich morgens im Training gestürzt und wurde mit 15 Stichen am Knie genäht. Dieser Tag bleibt unvergesslich, auch weil ich für Noel Langlois gewinnen konnte, der mir kurz nach meinem Abschied von Jean-Michel Bazire schnell sein Vertrauen geschenkt hat."
PT: "Worin unterscheidet sich der Prix de Cornulier von den Gruppe I-Rennen der einzelnen Altersklassen, von denen Sie eines gewonnen haben (Prix de Vincennes mit Eveil du Chatelet)?"
JYR: "Der Cornulier ist etwas ganz Besonderes. Schon vor dem Rennen. Durch die mediale Aufmerksamkeit und die Spannung am Start spürt man eine ganz andere Atmosphäre. Persönlich bin ich die klassischen Monte immer ohne Druck geritten."
PT: "Kommen wir zu einem persönlicheren Thema: Die Saison 2025 beendeten Sie mit 29 Siegen. Entsprach das Ihren Erwartungen?"
JYR: "Ich liege bei der Gewinnsumme etwa auf demselben Niveau, aber ich hätte nicht erwartet, so viele Rennen zu gewinnen. 2025 war ein gutes Jahr. Das ist auch den Trainern zu verdanken, mit denen ich zusammenarbeite: Noel Langlois, Jean-Philippe Raffegeau, Benoit Carpentier und anderen. Ich habe nichts an meinen Gewohnheiten geändert, mache mir keinen Druck und versuche, möglichst konstant zu sein. Meine Priorität ist es inzwischen, sowohl zu reiten als auch zu fahren. Für 2026 möchte ich mich auch im Sulky weiter verbessern. Dabei arbeite ich vertrauensvoll und ruhig mit meinem Agenten Francois Avon zusammen. Ich lege großen Wert auf langfristige Zusammenarbeit mit den Ställen. Morgens bin ich zudem als 'Dienstleister' bei verschiedenen Trainern in meiner Umgebung tätig. Freitags arbeite ich zum Beispiel regelmäßig bei Jean-Philippe Raffegeau. Wir verstehen uns gut und haben ein echtes Vertrauensverhältnis."
PT: "Nach vielen Jahren als Angestellter bei Jean-Michel Bazire haben Sie einen neuen Weg eingeschlagen. Wie fällt Ihre Bilanz aus?"
JYR: "Ich bin mit meinem heutigen Leben sehr zufrieden. Die Zeit bei Jean-Michel war großartig (Anm.: unter anderem als Pfleger von Belina Josselyn), aber es hatte sich eine gewisse Routine eingestellt. Ich wollte etwas Neues erleben. 2023 habe ich mit ersten Dienstleistungen begonnen, um mir parallel zu meiner freiberuflichen Jockey-Karriere eine finanzielle Basis zu sichern. Ich lerne jeden Tag dazu. Das ist großartig. Ich entdecke neue Arbeitsmethoden - und auch neue Pferde."
PT: "Haben Sie ein Ritual vor großen Rennen?"
JYR: "Nicht wirklich. Ich ändere meine Gewohnheiten nicht und bin auch nicht abergläubisch. Vielleicht eines: An Tagen großer Rennen brauche ich meine Ruhe und ziehe mich gern in meine eigene kleine Blase zurück."
Jean-Yann Ricart - Kurzbiografie
31 Jahre, Vater einer vierjährigen Tochter
196 Siege
2 Gruppe I-Erfolge: Eveil du Chatelet (Prix de Vincennes), Esperanza Idole (Prix de Cornulier)
2 Gruppe II-Siege mit Chalimar de Guez
