News Schweden Trab, 03.06.2026
(sulkysport.se/agr) Der schwedische Trabrennsport steht wirtschaftlich unter Druck. Während die Kosten für Besitzer seit Jahren deutlich schneller steigen als Preisgelder und Inflation, sinken zugleich die Zahl der Pferde, der Lizenzen und der Investitionen in den Sport. Lennart Ågren, Gründer der Svea Bank und Besitzer von SRF Stable, sowie Trainer und Züchter Lutfi Kolgjini sehen darin nicht nur ein Kostenproblem. Aus ihrer Sicht liegt die eigentliche Schwachstelle in der Struktur des Sports: Diejenigen, die das größte wirtschaftliche Risiko tragen, hätten zu wenig Einfluss auf die Entscheidungen über die Zukunft des Trabrennsports. Seit der Jahrtausendwende befindet sich die Branche in einem deutlichen Rückgang. Die Zahl der Lizenzen ist seit dem Jahr 2000 um 58 Prozent gefallen. Im Jahr 2024 sank zudem die Zahl der gedeckten warmblütigen Traberstuten um weitere 14 Prozent. Prognosen gehen davon aus, dass es im Jahr 2030 nur noch rund 7.400 startende Warmblüter geben könnte. Heute sind es noch gut 9.100. Hinter diesen Zahlen steht eine Entwicklung, die viele Aktive längst im Alltag spüren: Es wird immer schwieriger, als Besitzer wirtschaftlich erfolgreich zu sein.
Preisgelder steigen, Kosten aber viel schneller
Zwar sind die gesamten Preisgelder im schwedischen Trabrennsport seit dem Jahr 2000 von rund 634 Millionen Kronen auf gut eine Milliarde Kronen im Jahr 2025 gestiegen. Diese Entwicklung entspricht jedoch im Wesentlichen nur der Inflation. Die tatsächlichen Kosten der Besitzer haben sich deutlich stärker erhöht. Tierarztkosten, Strom, Futter, Einstreu und Löhne sind in den vergangenen Jahren massiv gestiegen. Damit verschlechtert sich die Kostendeckung für Besitzer seit mehr als zwei Jahrzehnten Schritt für Schritt. Die Folgen werden nun sichtbar: weniger Besitzer, weniger Pferde, dünnere Rennen. Genau das trifft den Sport an einer empfindlichen Stelle. Denn die wirtschaftliche Basis des Trabrennsports hängt stark von attraktiven Wettprodukten mit großen und ausgeglichenen Feldern ab. V85, V86, GS75 und V64 stehen zusammen für mehr als 90 Prozent des Nettospielumsatzes.
STL-Rennen verlieren real an Wert
Auch die Rennen, die das kommerzielle Rückgrat des Sports bilden, haben real an Kraft verloren. Besonders deutlich zeigt sich das in der Svenska Travligan. In der Bronsdivision ist das erste Preisgeld innerhalb von 25 Jahren von 110.000 Kronen auf 135.000 Kronen gestiegen. Inflationsbereinigt müsste es heute jedoch bei etwa 175.000 Kronen liegen. Damit klafft zwischen Anspruch und Wirklichkeit eine Lücke. Die großen Wettprodukte benötigen starke Felder, doch für viele Besitzer wird es immer schwieriger, die dafür nötigen Investitionen wirtschaftlich zu rechtfertigen. Gleichzeitig setzt auch die höhere Glücksspielsteuer die Rückflüsse in den Sport unter Druck. Seit dem 1. Juli 2024 liegt die Steuer auf lizenzpflichtige Spiele in Schweden bei 22 statt zuvor 18 Prozent des Rohertrags der Anbieter. Damit fließt ein größerer Teil des ATG-Überschusses an den Staat und weniger zurück in den Sport.
Kritik an der Steuerung durch Svensk Travsport
Ågren und Kolgjini richten ihre Kritik nicht in erster Linie gegen ATG. Das Unternehmen sei im Kern gut geführt. Das größere Problem sehen sie in der Steuerungsstruktur und in der strategischen Ausrichtung von Svensk Travsport. Der Verband werde weiterhin vor allem von den Bahnorganisationen geprägt. Die Besitzer, die in Pferde, Training und damit in den eigentlichen Inhalt des Sports investieren, hätten in der heutigen Struktur zu wenig Gewicht. Dabei tragen sie einen großen Teil des Kapitals und des wirtschaftlichen Risikos. Genau daraus entstehe ein gefährlicher Fehlanreiz. Wenn diejenigen, die investieren und das Risiko tragen, nur begrenzten Einfluss auf Prioritäten und strategische Entscheidungen haben, sinkt auch die Bereitschaft, neues Kapital in den Sport zu geben. Der Vergleich mit anderen erfolgreichen Sportarten macht den Punkt deutlicher. In Ligen wie der Premier League, der Champions League oder der SHL stehen die Leistungsträger und die Kernprodukte im Zentrum der wirtschaftlichen Strategie. Der Trabrennsport hingegen arbeite in Teilen noch immer mit einer Organisationsform, die aus einer anderen Zeit stammt: aus einer Zeit vor der heutigen Konkurrenz um Publikum, Kapital und Aufmerksamkeit.
Mehr Einfluss bedeutet auch mehr Verantwortung
Mehr Einfluss für Besitzer wäre aus Sicht von Ågren und Kolgjini kein Freifahrtschein, sondern mit mehr Verantwortung verbunden. Er könnte zu mehr Professionalität in den Führungsgremien von Svensk Travsport und ATG führen, zu stärkerem wirtschaftlichem Fokus und zu besseren Voraussetzungen im Wettbewerb mit anderen Sportarten, sowohl in Schweden als auch international. Die zentrale Frage ist aus ihrer Sicht einfach: Wer soll künftig noch in neue Trabrennpferde investieren, wenn sich das wirtschaftliche Modell immer schlechter rechnen lässt? Der schwedische Trabrennsport brauche jetzt, was andere kapitalintensive Branchen in Umbruchsituationen ebenfalls benötigen: klarere Unternehmensführung, mehr Offenheit für externe Kompetenz und eine Strategie, die langfristige Wettbewerbsfähigkeit und Rendite in den Mittelpunkt stellt. Bleibt dieser Kurswechsel aus, droht eine schleichende strukturelle Abwärtsbewegung. Dann verliert nicht nur der Sport an Substanz, sondern auch die Wettprodukte verlieren Schritt für Schritt an Attraktivität.
Lennart Ågren
Gründer der Svea Bank und Besitzer von SRF Stable
Lutfi Kolgjini
Trabrenntrainer und Züchter
Die Situation in Deutschland
Der Blick bei uns zeigt, dass viele der in Schweden diskutierten Probleme hierzulande nicht nur ebenfalls vorhanden sind, sondern teilweise noch schärfer auftreten. Während Schweden trotz aller Warnsignale weiterhin über eine deutlich stärkere wirtschaftliche Basis, größere Wettprodukte und international sichtbare Renntage verfügt, bewegt sich der deutsche Trabrennsport längst in deutlich kleineren Strukturen. Für Besitzer ist die Lage in Deutschland wirtschaftlich besonders schwierig. Ein in Deutschland startendes Pferd hat 2026 (Januar bis Mai) bislang im Durchschnitt rund 1.309 Euro verdient. Dem stehen im selben Zeitraum 2026 (Januar bis Mai) Kosten von etwa 7.000 Euro gegenüber. In dieser Summe stecken unter anderem Training, Tierarzt, Transport, Nennungen und weitere laufende Ausgaben. Die Lücke zwischen Aufwand und Ertrag ist damit nicht nur groß, sondern strukturell kaum noch vermittelbar.
Besonders spürbar sind die gestiegenen Tierarztkosten. Durch die neue Gebührenordnung für Tierärzte sind diese Kosten für Besitzer sprunghaft angestiegen. Gerade in einem Sport, in dem Gesundheit, Behandlung und Betreuung der Pferde zentrale Faktoren sind, trifft diese Entwicklung die Aktiven unmittelbar. Höhere Kosten lassen sich jedoch kaum über höhere Preisgelder auffangen. Auch die Mitbestimmung der Besitzer ist beim HVT schwach ausgeprägt. Die Besitzer tragen bei uns einen erheblichen Teil des wirtschaftlichen Risikos, haben aber praktisch keine eigene Vertretung in den zentralen Entscheidungsstrukturen. Während die Aktiven über den Vertreter des Trainer-Verbandes zumindest eine Stimme beim HVT haben, fehlt eine vergleichbare Interessenvertretung für Besitzer. Damit bleibt genau jene Gruppe, die Pferde kauft, hält und finanziert, strategisch weitgehend außen vor.
Die Entwicklung in der Zucht verschärft das Problem zusätzlich. Für 2025 dürften nach aktuellem Stand nur noch etwa 220 bis 250 Fohlengeburten zu erwarten sein, genaue Zahlen liegen noch nicht vor. Die bisher veröffentlichten Fohlengeburten für 2026 zeigen jedoch einen weiterhin deutlichen Abwärtstrend. Setzt sich diese Entwicklung fort, rückt eine Größenordnung von nur noch rund 100 Fohlengeburten pro Jahr in bedrohliche Nähe. Für einen Rennsport, der auf Nachwuchs, volle Felder und planbare Jahrgänge angewiesen ist, wäre das ein massiver Substanzverlust.
Hinzu kommt die Schwäche auf der Wettseite. Auch in Deutschland sinken die Umsätze weiter. Ein wesentlicher Grund liegt in einem Wettangebot, das durch ein veraltetes Ausschreibungskonzept zunehmend an Attraktivität verliert. Wenn Rennen zu klein, zu unausgeglichen oder für Wetter schwer interessant zu gestalten sind, leidet das Produkt. Sinkende Umsätze wiederum verringern die Möglichkeiten, Preisgelder zu erhöhen. So entsteht ein Kreislauf, der Besitzer, Veranstalter und Wettanbieter gleichermaßen belastet.
Damit steht Deutschland vor einer ähnlichen Grundfrage wie Schweden, allerdings auf noch schmalerer Basis: Wer soll künftig in Trabrennpferde investieren, wenn Kosten und Risiko steigen, die Ertragsaussichten aber immer weiter zurückfallen und zugleich die Einflussmöglichkeiten gering bleiben?
Aus dieser Lage ergibt sich ein klarer Handlungsbedarf. Der deutsche Trabrennsport braucht eine stärkere Einbindung der Besitzer in strategische Entscheidungen, eine zeitgemäße Überarbeitung der Ausschreibungs- und Wettstruktur sowie eine klare Priorisierung attraktiver, wettfähiger Rennen. Dazu gehört auch die Frage, wie Zucht und Besitz wieder als Investition in die Zukunft des Sports verstanden und nicht nur als private Leidenschaft einzelner Idealisten behandelt werden.
Ohne eine solche Neuausrichtung droht der deutsche Trabrennsport weiter an Substanz zu verlieren. Schweden diskutiert derzeit über Warnsignale. In Deutschland sind viele dieser Warnsignale zu lange ignoriert worden.